Anekdoten aus der Netzpolitik-/ Wissenschaftsgeschichte (Geschichte der Analogcomputer)

Neulich  las ich eine Geschichte der Entwicklung von Analogcomputern in Deutschland von Helmut Hoelzer, “a Nazi Germany V-2 rocket engineer who was brought to the United States under Operation Paperclip.” Operation Paperclip/ Overcast stellte wohl so eine Art militärisches Geheimprojekt der USA nach dem Ende des 2. Weltkrieges dar, mit Hilfe dessen deutsche Wissenschaftler und Techniker in die USA geholt wurden – einerseits damit deren Wissen und Können nicht in der Sowjetunion landet, andererseits um ein Wiederaufrüsten Deutschlands zu verhindern. Soweit, so gut. Oder schlecht? Geschichte halt …

Helmut Hoelzer war bis dahin maßgeblich in der Entwicklung von Analogcomputern beteiligt, die er in 50 Jahre Analogcomputer anschaulich beschreibt.

Hoelzer, H.: 50 Jahre Analogcomputer, in: Bolz, N./ Kittler, F./ Tholen, C. (Hg.): Computer als Medium, Wilhelm Fink: München, S. 70.
Hoelzer, H.: 50 Jahre Analogcomputer, in: Bolz, N./ Kittler, F./ Tholen, C. (Hg.): Computer als Medium, Wilhelm Fink: München, S. 70.

“Bis vor gar nicht allzu langer Zeit haben sich nur sehr wenige Leute darum gekümmert, wie diese elektronischen Analogcomputer zustande kamen. Sie waren Nebenprodukte und standen völlig im Schatten viel größerer Vorhaben (…) Es war alles so ähnlich wie zur Zeit von Kolumbus. Ein bekannter amerikanischer Wissenschaftler hat einmal gesagt: «Kolumbus wollte die Beziehungen zu China verbessern, ein Problem, welches bis heute noch nicht gelöst ist.  Aber sehen Sie sich doch mal die Nebenprodukte an …!» So ähnlich erging es auch den elektronischen Analogcomputern.” (ebd., S. 69).

Eigentlich wollte Hoelzer als Student ein Gerät entwickeln, um die absolute Geschwindigkeit eines Segelflugzeuges zu messen (Geschwindigkeit gegenüber der Erde). Dies scheiterte daran, dass ein solches Vorhaben weder in die damalige Fernmeldetechnik, noch in die damalige Meßtechnik fiel. Ingesamt bestand folgendes Problem: “Die Mathematiker jener Zeit waren der Meinung, dass Mathematik nicht aus Stangen besteht, und, nachdem der erste elektronische Analogcomputer gebaut war, sagten sie: «aus Draht besteht die Mathematik auch nicht.»” (ebd., S. 71).

Nunja, irgendwann war der Krieg eröffnet und Hoelzer wurde dienstverpflichtet nach Peenemünde geschickt, wo unter der Leitung von Wernher von Braun Raketenversuche gemacht wurden, um das Verbot weitreichender Geschütze (Versailler Vertrag) mit gesteuerten Fernraketen zu umgehen – was man benötigte, war also eine Funk-Fernsteuerung.  Kurssteuerung war zunächst einmal instabil, z.B. gegenüber Seitenwind. “Instabilität liegt dann vor, wenn eine Störung nicht abklingt, sondern sich immer weiter aufschaukelt. Die Stabilitätstheorie verlangte, daß außer der seitlichen Abweichung auch die seitliche Komponente der Geschwindigkeit verwendet wird. Falls permanenter Seitenwind besteht, müsste dann auch noch das Integral der Abweichung aufgeschaltet werden. Woher kriegt man nun einen Echtzeitintegrator und einen Echtzeitdifferentiator?” (ebd., S. 72). Die Zusammenfassung der folgenden Ausführungen übersteigt leider mein physikalisches und mathematisches Grundwissen, aber ich kann sie zum Verständnis der Entwicklung von Computern nur wärmstens empfehlen, sie sind schön bebildert und mit Anekdoten aus dem Arbeitsalltag versehen.

Hoelzer, H.: 50 Jahre Analogcomputer, in: Bolz, N./ Kittler, F./ Tholen, C. (Hg.): Computer als Medium, Wilhelm Fink: München, S. 89.
Hoelzer, H.: 50 Jahre Analogcomputer, in: Bolz, N./ Kittler, F./ Tholen, C. (Hg.): Computer als Medium, Wilhelm Fink: München, S. 89.

Worüber ich allerdings zunächst sehr schmunzeln musste, dann aber ins Nachdenken geriet, ist das weitere Geschehen um die dazu gehörige Dissertation: “Während diese Entwicklung stattfand [Entwicklung der Raketen-Fernsteuerung, Anm. der Autorin], dokumentierte ich alles genau, denn ich wollte es als Dissertation an der Technischen Hochschule in Darmstadt vorlegen. Aber das stellte sich nicht als so einfach heraus. Zuerst wurde alles mit einem Geheimstempel versehen und eingeschlossen. Dann kam der Luftangriff auf Penemünde 1943, wo alles verbrannte, auch die völlig ausgearbeitete Dissertation. Ungefähr Anfang 1945 hatte ich sie ein zweites Mal fertig, aber da war der Krieg zu Ende und die Amerikaner kassierten die Arbeit. Ich bekam sie aber nach mehreren Anläufen wieder und präsentierte sie in Darmstadt im selben Jahre. Aber nun gab es inzwischen eine Militärregierung, und ein Captain der amerikanischen Armee war der technischen Hochschule vorgesetzt. Bei ihm musste ich mir Genehmigung holen zum Promovieren. Er blätterte die Dissertation durch, sagte, daß Raketen und überhaupt Waffen nicht mehr gebraucht würden, da dies der letzte Krieg gewesen sei. Deutschland  sei zerstört, die anderen alle alliiert und so lange er hier etwas zu sagen hätte – und das wäre noch sehr lange – würde hier nicht über Waffenentwicklung promoviert,  – PAUSE -. Als ich dann einwarf, daß Raketen ja auch für Raumfahrt gebraucht werden könnten, sagte er in fließendem deutsch: «Lieber Freund, Sie haben vielleicht eine blühende Phantasie!» und draußen war ich. Mein Doktorvater, Prof. Walther, kam dann auf die glorreiche Idee, die Arbeit in 2 Teile zu teilen; der erste nur über Analogcomputerentwicklung, die Anwendung auf die Raketenentwicklung im 2. Teil. Das war natürlich eine Mordsarbeit und im Februar des nächsten Jahres war es dann soweit. Gezeigt bekam der Herr Captain nur den ersten Teil. Von da an spielte der Computer, zuerst der Analogcomputer, später dann auch der Digitalcomputer eine sehr wichtige Rolle in der Raketenentwicklung sowohl für militärische Zwecke als auch für die Raumfahrt” (ebd., S. 90). Zum weiterlesen

Wenn das alles nicht so ernst wäre (Menschen sterben), hätte ich den Beitrag unter “Lustiges aus der Netzpolitik- und Wissenschaftsgeschichte” abgelegt. Hätte ich gern getan.

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